Friedensgebete und Montagsdemonstrationen in Leipzig

Die berühmten Leipziger Montagsdemonstrationen haben ihren Ursprung in der unabhängigen DDR-Friedensbewegung deren Wurzeln bis in die 1960er Jahre zurückgehen, in die Zeit nach Einführung der Wehrpflicht 1962 und die Möglichkeit des Dienstes bei den Bausoldaten.

Die Friedensgebete in Leipzig entstehen auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung und die Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" und im Zusammenhang mit den Friedensdekaden. Die Junge Gemeinde um den Diakon Günther Johannsen organisiert im Oktober 1982 die ersten Friedensgebete, seit Dezember 1982 finden Sie jeden Montag in der Leipziger Nikolaikirche statt.

Vorher gab es in Leipzig vereinzelt Friedensgebete und Friedensandachten, in der ganzen DDR zu den seit 1980 stattfindenden "FriedensDekaden" im November. In Erfurt findet seit der Einführung des "Wehrkundeunterrichtes" als Schulpflichtfach im Herbst 1978, iniziiert von Müttern, wöchentlich donnerstags ein "Friedensgebet statt. Die Friedensgebete sind inspiriert von Friedensseminaren, Friedensgottesdiensten und auch von den "politischen Nachtgebeten" in Köln um die bundesdeutsche Theologin Dorothee Sölle. 

Schon bald werden die Friedensgebete zu Orten, wo sich die politische Opposition in der DDR öffentlich artikuliert. Gestaltet werden sie überwiegend von Akteuren dieser "Basisgruppen". Die Friedensfrage, Mißstände in der Umwelt, Solidarität in der einen Welt, die einseitige Gleichberechtigung von Frauen, Demokratie - all das sind die Themen der Friedensgebete, die schließlich ab 1980 in den FriedensDekaden und 1988/89 in der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zusammenkommen.

Durch die stärkere politische Ausrichtung der Gruppen und den Zustrom von Ausreisewilligen werden die Friedensgebete ab Mitte der 1980er Jahre zu Veranstaltungen, die immer mehr Öffentlichkeit über die Kirche hinaus erlangen. Die Folge: Verhaftungen und steigender Druck des Staates auf die Kirchenleitung. Ab September 1988 gibt die Leipziger Kirchenleitung dem Druck nach und untersagt den unabhängigen Gruppen die inhaltliche Gestaltung der Friedensgebete ohne die "Leitung" durch einen ordinierten Pfarrer.

Es sind die Montage, die in der DDR Geschichte schreiben

Diese Regelung führt in den folgenden Wochen immer wieder zu Tumulten bei den Gottesdiensten, bis sie im Frühjahr 1989 wieder aufgehoben wird. Die Leipziger Gruppen Initiativgruppe Leben, Arbeitskreis Gerechtigkeit, Arbeitsgruppe Umweltschutz und Arbeitskreis Solidarische Kirche schreiben einen offenen Brief an den Landesbischof Johannes Hempel, in dem sie sich heftig gegen den Versuch auflehnen, die Friedensgebete zu entpolitisieren. Rainer Müller und Uwe Schwabe sind auf dem Bild oben mit ihren Protestplakaten gegen dieses Redeverbot zu sehen.

Die kritische politische Prägung der Friedensgebete geht auch von den vielen jugendlichen Teilnehmern der Leipziger Basisgruppen aus. Sie sind es, die die ersten Montagsdemonstrationen mit noch wenigen Beteiligten anführen.

Unmittelbar nach der Fälschung der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 organisieren Leipziger Gruppen eine Demonstration, an der rund 600 Menschen teilnehmen. Am kommenden Tag wird während des Friedensgebets in der Nikolaikirche erstmals ein Polizeikessel um die Kirche gebildet.

Der Landesbischof Johannes Hempel fordert erneut eine Einschränkung der Friedensgebete, doch der Druck von kirchlichen Basisgruppen und Pastoren ist so stark, dass sich der Bischof innerhalb der Kirche nicht mehr durchsetzen kann.

Die Veranstaltungen werden nun als Montagsgebete bezeichnet und die anschließenden Demos als Montagsdemonstrationen. Gerade die politische Ausrichtung der Friedensgebete macht die Leipziger Andachten so populär. Schnell ist Montag für Montag das Kirchenschiff der Nikolaikirche mit Besuchern überfüllt. Die verschiedenen oppositionellen Strömungen finden hier einen gemeinsamen Raum und eine wenn auch noch kleine Öffentlichkeit. Schnell verbreitet sich im ganzen Land der Ruf der Leipziger Friedensgebete. Die Montagsgebete und -demonstrationen tragen den Protest gut sichtbar auf die Straße und in die Gesellschaft hinein. Damit läuten sie das Ende der DDR ein.
 

„Wir sind das Volk!“, „Wir sind das Volk!“, „Wir sind das Volk!“

Die erste Montagsdemonstration am 4. September 1989 wird von westlichen Medien begleitet. Deren Anwesenheit verhindert, dass öffentlich Verhaftungen stattfinden. Doch schon in der kommenden Woche, am 11. September 1989, schlagen Polizei und Stasi wieder hart zu. Vor allem junge Menschen gehen auf die Straße. Landesbischof Johannes Hempel berichtet auf einer Synode in Erfurt am 15. September 1989 über diese Demonstration und die Festnahmen und fragt rhetorisch: „Was geht in den Jugendlichen vor, was bleibt in ihnen zurück, wenn sie so behandelt werden? Was sind das für Bürger der Zukunft? Auch in den offensichtlich sehr jungen Bereitschaftssoldaten, die doch, soweit ich weiß, Wehrpflichtige sind und die jetzt in Kette vorgehen gegen fast Gleichaltrige? Was geht in denen vor?“

Anfang September 1989 ändert sich auch die Zielvorstellung der Demonstrationen. Während vor dem Sommer noch viele Ausreisewillige unter dem Ruf „Wir wollen raus!“ zu den Friedensgebeten erscheinen, sind es in den ersten Septemberwochen vor allem die Angehörigen von Oppositionsgruppen, die nicht mehr vor den Zuständen in der DDR fliehen wollen. Sie wollen die Republik verändern und skandieren jetzt, sehr zum Schrecken der DDR-Führung, „Wir bleiben hier!“.

Die DDR-Opposition nutzt die Westmedien ganz bewusst zur Bekanntmachung der Leipziger Proteste. Die Verbreitung der Leipzig-Nachrichten in der ganzen DDR spielt in den kommenden Wochen eine besonders wichtige Rolle. (Im Interview berichtet der damals 26-jährige Aram Radomski, wie es ihm zusammen mit Siegbert Schefke auf abenteuerliche Weise gelingt, trotz Stasi-Verfolgung eine Montagsdemonstration mit der Kamera aufzuzeichnen und das Video in den Westen zu schmuggeln.)

An den Protestdemonstrationen, die ab dem 4. September 1989 regelmäßig jeden Montag stattfinden, nehmen im Oktober bereits Zehntausende Menschen teil. Ihr Ruf „Wir sind das Volk!“ wird zum wichtigsten Slogan der Revolution – bis er im November 1989 nach dem Fall der Mauer durch den Ruf „Wir sind ein Volk!“ abgelöst wird.

(aus Wikipedia, überarbeitet von Matthias Sengewald)

Das Plakat von 1982, mit dem noch heute zum Friedensgebet in der Nikolaikirche Leipzig eingeladen wird.

Die Nikolaikirche in Leipzig

.. offen für alle

Friedensgebet in der Nikolaikirche 2014

Fotos: Matthias Sengewald