Ironie der Geschichte oder Wunderbare Fügung - Die Wurzeln des Montags-Friedensgebetes in Leipzig

Von Günter Johannsen

Zur Entstehung des Montags-Friedensgebetes in der Leipziger Nikolaikirche wurde bisher wenig Zutreffendes, stattdessen vielfältiger Unsinn berichtet.
Im Zusammenhang mit den Festlichkeiten und Ehrungen zum 20. Jahrestag der ´Friedlichen Revolution´ fanden sich plötzlich immer mehr Leute, die sich Idee und Gründung des montäglichen Friedensgebetes als ihr Verdienst zu gute hielten. 

Mit diesem selbstgemalten Plakat wird von Anfang an in Leipzig zum Friedensgebet eingeladen.

Ich habe mich selbst lange in Zurückhaltung geübt und aus dem Abstand heraus (ich lebe und arbeite jetzt in München) diese merkwürdige Entwicklung beobachtet. Nun, da zu befürchten ist, dass die Stasi selbst sich zuletzt noch zum Gründer und Betreiber der Friedensgebete aufschwingt, bleibt mir keine Wahl, als selbst authentisch zu berichten, wie – weshalb – warum diese anfangs kleine Veranstaltung Montags-Friedensgebet mit den großen Folgen tatsächlich entstand.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich will die Verdienste der geehrten und ausgezeichneten Persönlichkeiten keinesfalls schmälern. Dennoch ist es jetzt an der Zeit, irreführende Legendenbildung zu beenden.

Im Jahr 1982 war ich Jugenddiakon im Leipziger Kirchenbezirk-Ost: den Kirchgemeinden Probstheida, Liebertwolkwitz, Störmthal und Großpösna. In der Gemeinde Leipzig-Probstheida fand ich eine sehr spezielle Situation vor. Durch die von Pfarrer Rausch betriebene Gemeindespaltung im Jahr 1955 hatte die offizielle Evangelische Kirchgemeinde keine Kirche und auch kein Gemeindehaus mehr (Kirche und Gemeindehaus waren von Pfarrer Rausch und einer Handvoll Anhänger besetzt), sondern zunächst nur einen käuflich erworbenen Zirkuswagen, später dann – zu meiner Zeit – eine angemietete 2-Raum-Wohnung in der Russenstraße 11. In dem einen Raum dieser Wohnung befand sich das Gemeinde-Archiv mit den Akten, im anderen Raum fanden alle Veranstaltungen statt: Gottesdienste an den Sonntagen, donnerstags 19 Uhr die „Junge Gemeinde“ (JG), dienstags 19 Uhr der Bibelkreis für Senioren, an den Nachmittagen die Christenlehre und werktags-vormittags die Sprechzeiten der Verwaltung usw.

Am Rande bemerkt: Bei der Gemeindespaltung in Probstheida hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) keine unbedeutende Rolle gespielt, wie sich nach der Wende herausstellte. Pfarrer Rausch wurde seit Anfang 1955 von der Stasi als Inoffizieller Mitarbeiter „IM-Eduard“ geführt! 

Idee und Entstehung des Montags-Friedensgebets ist eigentlich einer peinlichen Panne zu verdanken!
Aus besagter Raumnot in der Russenstraße 11 konnte natürlich an jedem Wochenabend nur eine Veranstaltung stattfinden. Wie es „Gottes Ratschluss“, oder (vielleicht ehrlicher gesagt) mein jugendlicher Leichtsinn wollte, standen durch meine unvorsichtige Terminverlegung an einem Dienstag-Abend zwei sehr unterschiedliche Gruppen vor dem einen Gemeinderaum und begehrten Einlass: die Junge Gemeinde einerseits (15 – 19 Jährige), der Bibelkreis andererseits (ab ca. 60 Jahre bis ….).
Aus der Not eine Tugend machend, beschlossen wir – die Alten und die Jungen – einen Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu aktuell-politischen Fragen.
Die aktuell-politische Frage der Alten war: warum provoziert die Jugend mit den Aufnähern „Schwerter zu Pflugscharen“ den DDR-Staat und riskiert damit einen Karriere-Abbruch und Schlimmeres (Verfolgung & Haftstrafen).
Die zusammengefasste Antwort der Jugend darauf: der DDR-Staat wird zunehmend militanter – in den Schulklassen wird innerhalb des sogenannten Wehrkunde-unterrichts massiv für freiwillige Dienstverpflichtung (3 bzw. 10 Jahre) geworben. Oft ist ohne Verpflichtung zur Nationalen Volksarmee (NVA) Abitur und Studium nicht mehr möglich! Wir wollen Zeichen dagegen setzen mit diesen Schwerter-zu-Pflugscharen-Aufnähern.

Als Ergebnis einer langen und lebhaften Diskussion an diesem Abend stand die Idee: Denken, Handeln und Beten für den Frieden! Ein Friedensgebet soll es sein…. es soll viele Menschen erreichen….es soll regelmäßig zum gleichen Zeitpunkt stattfinden…informativ und deutlich sein….an einem zentralen Ort…..offen für alle….alle werden zum Denken, Handeln und Beten für den Frieden eingeladen!
Damit war gleichermaßen auch die innere Struktur des Friedensgebetes vorgezeichnet!
Schnell war die Niklolai-Kirche mit ihrer zentralen Lage als Örtlichkeit ausgemacht und der Montag als erster Arbeitstag nach dem Wochenende. Der Zeitpunkt 17 Uhr sollte den Geschäftsleuten und Werktätigen in der Innenstadt nach Arbeitsschluss die Möglichkeit geben, am Friedensgebet teilzunehmen. Damit sollte eine breitere Öffentlichkeit geschaffen werden.

Die vom Landesjugendamt Dresden organisierte Friedensdekade (10 Tage Denken und Beten für den Frieden) war eben gerade zu Ende. Aber sollten die Gebete für den Frieden auf die aus Dresden „zentral abgesegneten 10 Tage“ reduziert bleiben?
Superintendent Friedrich Magirius zeigte sich für unser Ansinnen offen, – und er fand einen Weg für unser Friedensgebet in die Nikolai-Kirche. Der damalige Kirchenvorstand unter Vorsitz von Pfarrer Führer hatte viele kritische Fragen und öffnete uns dann doch die „Nikolai-Tore“ unter dem starken Eindruck der Schirmherrschaft des Superintendenten. Ich empfand diese „Öffnung“ jedoch eher als eine Duldung durch den Nikolai-Kirchenvorstand!

Idee und Entstehung des Montags-Friedensgebets ist eigentlich einer peinlichen Panne zu verdanken!
Aus besagter Raumnot in der Russenstraße 11 konnte natürlich an jedem Wochenabend nur eine Veranstaltung stattfinden. Wie es „Gottes Ratschluss“, oder (vielleicht ehrlicher gesagt) mein jugendlicher Leichtsinn wollte, standen durch meine unvorsichtige Terminverlegung an einem Dienstag-Abend zwei sehr unterschiedliche Gruppen vor dem einen Gemeinderaum und begehrten Einlass: die Junge Gemeinde einerseits (15 – 19 Jährige), der Bibelkreis andererseits (ab ca. 60 Jahre bis ….).
Aus der Not eine Tugend machend, beschlossen wir – die Alten und die Jungen – einen Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu aktuell-politischen Fragen.
Die aktuell-politische Frage der Alten war: warum provoziert die Jugend mit den Aufnähern „Schwerter zu Pflugscharen“ den DDR-Staat und riskiert damit einen Karriere-Abbruch und Schlimmeres (Verfolgung & Haftstrafen).

Mitbegründer des wöchentlichen Montags-Friedensgebetes in der Nikolaikirche Leipzig, vlnr: Hans-Joachim Döring, damals Jugenddiakon der Thomasgemeinde, Günter Johannsen, damals Jugenddiakon in Leipzig-Probstheida, Friedrich Magirius damals Superintendent in Leipzig und für die Nikolaikirche mit zuständig, Conny Schneider und André Steidtmann aus der damaligen Jungen Gemeinde Leipzig-Probstheida, André schuf auch das Plakat. Fotos: Matthias Sengewald, 9. Oktober 2014. (Zum vergrößern auf das Foto klicken.)

Die zusammengefasste Antwort der Jugend darauf: der DDR-Staat wird zunehmend militanter – in den Schulklassen wird innerhalb des sogenannten Wehrkunde-unterrichts massiv für freiwillige Dienstverpflichtung (3 bzw. 10 Jahre) geworben. Oft ist ohne Verpflichtung zur Nationalen Volksarmee (NVA) Abitur und Studium nicht mehr möglich! Wir wollen Zeichen dagegen setzen mit diesen Schwerter-zu-Pflugscharen-Aufnähern.

Als Ergebnis einer langen und lebhaften Diskussion an diesem Abend stand die Idee: Denken, Handeln und Beten für den Frieden! Ein Friedensgebet soll es sein…. es soll viele Menschen erreichen….es soll regelmäßig zum gleichen Zeitpunkt stattfinden…informativ und deutlich sein….an einem zentralen Ort…..offen für alle….alle werden zum Denken, Handeln und Beten für den Frieden eingeladen!
Damit war gleichermaßen auch die innere Struktur des Friedensgebetes vorgezeichnet!
Schnell war die Niklolai-Kirche mit ihrer zentralen Lage als Örtlichkeit ausgemacht und der Montag als erster Arbeitstag nach dem Wochenende. Der Zeitpunkt 17 Uhr sollte den Geschäftsleuten und Werktätigen in der Innenstadt nach Arbeitsschluss die Möglichkeit geben, am Friedensgebet teilzunehmen. Damit sollte eine breitere Öffentlichkeit geschaffen werden.

Die vom Landesjugendamt Dresden organisierte Friedensdekade (10 Tage Denken und Beten für den Frieden) war eben gerade zu Ende. Aber sollten die Gebete für den Frieden auf die aus Dresden „zentral abgesegneten 10 Tage“ reduziert bleiben?
Superintendent Friedrich Magirius zeigte sich für unser Ansinnen offen, – und er fand einen Weg für unser Friedensgebet in die Nikolai-Kirche. Der damalige Kirchenvorstand unter Vorsitz von Pfarrer Führer hatte viele kritische Fragen und öffnete uns dann doch die „Nikolai-Tore“ unter dem starken Eindruck der Schirmherrschaft des Superintendenten. Ich empfand diese „Öffnung“ jedoch eher als eine Duldung durch den Nikolai-Kirchenvorstand!

So begannen wir, der „engste Kreis“ der Probstheidaer Jungen Gemeinde, das Friedensgebet zwei Wochen nach der Friedensdekade Ende November 1982 als Dauereinrichtung „Montags-Friedensgebet“ durchzuführen.
„Das Friedensgebet geht weiter – jeden Montag 17 Uhr in der Nikolaikirche“, stand auf dem geormigten Einladungs-Handzettel, der an alle Kirchgemeinden geschickt wurde, – unterzeichnet von Olaf Müller, einem ehrenamtlichen Mitarbeiter, von mir selbst und Hans-Jochaim Döring, einem Kollegen der Thomas-Kirchgemeinde.
Die Beteiligung an den ersten Friedensgebeten war für uns sehr ernüchternd: am ersten Montag sieben, am zweiten Montag elf, am dritten Montag dreizehn Teilnehmer!
Und dennoch! „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter euch“, steht im Matthäus-Evangelium 20, 18. Das heißt doch: lasst Euch nicht entmutigen!
Wir verstärkten unsere Werbung (im damals sehr begrenzten Rahmen).
André Steidtmann, ein Jugendlicher aus Probstheida, malte das Plakat „Schwerter zu Pflugscharen“, was heute noch hinter Glas (als historisch wertvoll) in der Nikolai-Kirche zu sehen ist.
Nach und nach füllte sich montags das Kirchenschiff in St. Nikolai.
Die Beteiligung, auch die der Stasi, nahm stetig zu. Auch boten mehr und mehr Junge Gemeinden der Stadt Leipzig ihre Mithilfe an. Zunehmend engagierten sich auch Mitlgieder der "Basisgruppen" in Leipzig.

Gelegentlich ermahnte uns der Kirchenvorstand von St. Nikolai, weniger provozierende Texte in den Friedensgebeten zu verwenden. Auch seitens des Stadtjugendpfarramtes und Jugendpfarrer Gröger war wenig Anteilnahme oder gar Unterstützung zu spüren. Doch immer wieder hielt Superintendent Magirius schützend und schirmend seine Hände über uns.
Allerdings ließ die Stasi mich und andere Friedensgebets-Akteure in Abständen durch „kleine Zeichen“ (geöffnete Briefe; „unauffällige“ Leute vorm Haus, Vorladungen zur „Klärung eines Sachverhalts“ etc.) wissen, dass sie uns in ihrem alles durchdringenden Blick haben.
Doch dies hatte für mich persönlich seinen Schrecken verloren durch meine unschönen Begegnungen im Jahre 1968 (12 Stunden Verhör bei der Stasi und sechs Wochen Stasi-Haft) mit diesen „feinen Herrschaften“ im Zusammenhang mit der Sprengung der Universitätskirche.

Bis zu meinem Wechsel in die Evangelischen Kirchenkreis Bad Freienwalde im Jahr 1984 steigerte sich nicht nur die Intensität der Friedensgebete, sondern auch die Zahl der Teilnehmer.
Ein ehrenamtlicher Mitarbeiterkreis aus verschiedenen Jungen Gemeinden der Stadt Leipzig führte unter der Leitung von Joachim Förster (ehrenamtlicher Mitarbeiter der Philippus-Gemeinde) die Friedensgebete weiter bis zur Übernahme von hauptamtlichen Mitarbeitern der evangelischen Kirche, u.a. Pfarrer Führer.

Im Rückblick erscheint die Geschichte des Friedensgebetes je nach Blickwinkel dem Einen als „Ironie der Geschichte“, dem Anderen als „Gottes wunderbare Fügung“: Am Ort der ersten Kirchenspaltung auf Betreiben des SED-Regiems unter Federführung der Stasi begann auch das Ende eben dieses SED-Regiems!

Noch eines sei nachzutragen:
Wir hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche waren damals in gewisser Weise vogelfrei. Wir hatten nicht all zu viel zu verlieren. Wir waren die Mindestverdiener dieses Landes DDR (mein Anfangsgehalt als Diakon war 350,- M monatlich), unsere Karriere konnte der Staat nicht beschneiden, wir hatten den relativen Schutz durch eine Öffentlichkeit im Westen (Westfernsehen).
Die eigentlich tapferen Leipziger Helden, deren Ehrung nach wie vor aussteht (!), waren die Jugendlichen damals: Schüler, Abiturienten, Studenten – die mit ihrem Protest und ihrer Beteiligung an den Friedensgebeten alles riskierten (viele von ihnen hat es auch schwer getroffen), denn sie waren existenziell abhängig von diesem DDR-Regiem!

Günter Johannsen
Diakon
Diplom-Sozialpädagoge (FH)

Im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche 1968 wurde Johannsen von der Staatssicherheit verhaftet und zwölf Stunden verhört; es folgte eine Verurteilung und sechs Wochen Inhaftierung wegen „Staatsverleumdung“ und „Aufforderung zum Ungehorsam“[2]. Seine Rechtsanwältin Marianne Brendel erwirkte beim Obersten Gericht der DDR eine Kassatorische Entscheidung bzw. Freispruch wegen Verfahrensfehler und unbegründeter Anklage. Von 1974 bis 1979 absolvierte Johannsen eine Diakonen-Ausbildung in Moritzburg und Eisenach.
Ab 1979 war er im Leipziger Kirchenkreis-Ost Jugenddiakon. 1984 wechselte er in den evangelischen Kirchenkreis Bad Freienwalde (Oder) als Kreisjugendwart. Dort gründete er mit vier Lehrern der EOS-Bad Freienwalde im Oktober 1989 den SDP-Kreisverband. Zwischen 1993 und 1998 war er Kreisjugendwart im Evangelischen Kirchenkreis Güstrow. Seit 1998 arbeitete Johannsen bis zum Ruhestand in der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen.